Ja, es ist tatsächlich ein glücklicher Zufall, der dem frechen Kolja das Leben rettet, als er vom Dach des Hauses stürzt. Denn vor den Holzbaracken haben die zahlreichen Bewohner des ebenso feuchten wie engen Kellerzimmers ihr Bettzeug, die Decken und Läufer zum Trocken in die Sonne gehängt, so dass der Junge relativ unbeschädigt bleibt. Natürlich wird er von seiner gehässigen Großmutter Kljukwina unten kräftig durchgeprügelt. Aber am Ende steht die gehässige Alte, die bisher alles tat, um die Trocknungsaktionen ihrer ärmlichen Nachbarschaft zu sabotieren, im Keller und überreicht einen mit Konfitüre gefüllten Kuchen als Entschuldigung. Trotzdem mag man dem Frieden nicht richtig trauen in der Titelgeschichte von Ljudmila Ulitzkajas Buch: Irgendwie ist vorher in den knappen Sätzen des kurzen Texts bereits zuviel Trauriges und Ungerechtes passiert. „Sanft ironisch“ seien die sechs Kindergeschichten der russischen Meistererzählerin Ulitzkaja, heißt es auf dem Cover von Ein glücklicher Zufall. Soviel ist richtig. Aber ob die Geschichten mit so wundervollen Titeln wie Ein Papiersieg, Der Flüster-Opa oder Das Kohlwunder (die zudem einiges über die bewundernswerte Leistung der Übersetzerin Ganna-Maria Braungardt verraten) tatsächlich alle davon erzählen, „wie schön es ist, ein Kind zu sein“, darf zumindest angezweifelt werden. Denn die Welt Ulitzkajas ist eine Welt der Entbehrungen und der Feindseeligkeiten, die schon viele Kriege und Katastrophen gesehen hat und die nur durch kindliche Einbildungskraft (ähnlich wie bei einigen Geschichten Astrid Lindgrens, etwa bei Sonnenau) erträglich wird. Hierfür hat Ulitzkaja eine immens poetische Sprache gefunden. Und hiervon zeugen auch Wolf Erlbruchs -- wieder einmal kongeniale -- Illustrationen, die in ihrer einfarbigen Schlichtheit sowohl das Karge des russischen Alltags wie auch den Zauber illustrieren, mit dem kindliche Phantasie diesen Alltag verfremden kann. Ansonsten ist es wie schon bei Tschechows Kaschtanka und andere Kindergeschichten, die ebenfalls in einem ganz anderen, auch für Erwachsene hierzulande fremden Universum spielen: Sie sind zeitlos und in keinster Weise nur für Kinder gemacht. Auch Erwachsene werden an der Poesie der Ulitzkaja also ihre Freude haben. Ab 8 Jahre. --Thomas Köster Quelle:
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